Ein Vergleich: Strukturen des Mittelstandes in Deutschland und Frankreich

Rubrik: Wirtschaft Autor: Jitka Mencl-Goudier

Wie unterscheiden sich mittelständische Unternehmen in Deutschland und Frankreich und gibt es Gemeinsamkeiten? Während Deutschland durch einen gewachsenen Mittelstand geprägt ist, der globalisiert auftritt, zählt Frankreich viele kleine und nur wenige größere mittelständische Unternehmen, die sich in der Regel auf den lokalen Markt konzentrieren, sowie größere Unternehmen, die häufig zu den internationalen Marktführern gehören.

Wie die deutsche Volkswirtschaft insgesamt sind auch deutsche Mittelständler im europäischen Vergleich besonders stark internationalisiert. Dies liegt daran, dass der Mittelstand in Deutschland stärker von traditionell exportorientierten Industrieunternehmen und größeren Mittelständlern geprägt ist. Im Vergleich dazu ist in Frankreich zunehmend der Dienstleistungssektor von Bedeutung, der viel schwieriger zu exportieren ist.

3,6 Millionen KMU in Deutschland

Regionale Verwurzelung, Kontinuität, Denken in Generationen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern sind charakteristisch für den deutschen Mittelstand. Er steht nicht nur für die überwiegende Mehrzahl aller Unternehmen in Deutschland (über 3 Millionen), sondern auch für rund 60% aller Arbeitsplätze und über 80%  aller Ausbildungsplätze. Im Jahr 2017 zählte der deutsche Mittelstand 31,3 Millionen Erwerbstätige, ein Rekord. (Quelle: KfW)

Mehr kleinere mittelständische Unternehmen in Frankreich

Auch in Frankreich gibt es sie: Traditionsreiche mittelständische Familienunternehmen, die in der Nische führend sind und ebenfalls in der Provinz sitzen. Die Mittelständler beschäftigen knapp ein Viertel der französischen Arbeitnehmer. Acht von zehn Mittelständlern sind seit mindestens drei Generationen in Familienbesitz. Doch vor allem drei Aspekte unterscheiden sie von ihren deutschen Pendants: Ihre Zahl ist geringer, sie sind kleiner und unbekannter.

Den Status als Mittelständler gibt es in Frankreich erst seit 2008. Der hierfür gesetzlich neu geschaffene Begriff der „entreprises de taille intermédiaires“ (übersetzt: mittelgroße Unternehmen) umfasst Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 50 Millionen und 1,5 Milliarden Euro beziehungsweise 250 bis 5000 Mitarbeitern. Vorher wurden sie als große Kleinunternehmen bezeichnet, die - insbesondere, wenn Sie ihren Sitz nicht in der Landeshauptstadt hatten - von der Politik in Paris weder ernst genommen noch gefördert wurden. Dieses Desinteresse ist historisch bedingt, insbesondere weil Frankreich seit der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV durchgehend zentralistisch organisiert ist. Dies ist auch der Grund, warum quasi alle französische Großunternehmen ihren Sitz in Paris haben.

Weniger exportierende Unternehmen in Frankreich

Traditionell sind es in Frankreich vor allem die größeren Konzerne, die sich umfassend im Ausland engagieren. Die Kleinunternehmen sind hauptsächlich im Inland aktiv. Sie agieren eher als Zulieferer der Konzerne ohne sich selbst auf Auslandsmärkten zu betätigen. Die Zahl exportierender Unternehmen insgesamt ist daher in Frankreich mit 109.700 erheblich niedriger als in Deutschland, wo es mehr als dreimal so viele sind.

Aus Scheu vor fremden Sprachen und Märkten haben viele mittelständische Unternehmen in Frankreich den Export vernachlässigt. Zu viele haben sich in der Vergangenheit auf dem Heimatmarkt konzentriert und allenfalls Geschäfte in ehemaligen französischen Kolonien gesucht.

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